Lustlosigkeit in der Beziehung: Ursachen verstehen und mit Sexualtherapie begleiten

Lustlosigkeit in Beziehungen entsteht selten aus einem einzigen Grund. Hormone, Lebensphasen, Beziehungsdynamik und persönliche Umstände wirken zusammen. Ob und wie viel Lust jemand empfindet, verändert sich im Laufe einer Partnerschaft. Das wird erst zur Herausforderung, wenn es Leidensdruck erzeugt. Sexualtherapie bietet einen Rahmen, um zu verstehen, was hinter der Lustveränderung steckt, und gemeinsam einen stimmigen Umgang damit zu finden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Lustveränderung in Beziehungen ist verbreitet und wird erst zur Herausforderung, wenn sie Leidensdruck erzeugt.

  • Hormone, Routine, Beziehungsdynamik und persönliche Faktoren beeinflussen die Lust auf unterschiedliche Weise.

  • Spontane und reaktive Lust sind beide gültige Ausdrucksformen. Das Verwechseln beider führt in Partnerschaften häufig zu Missverständnissen.

„Ich habe fast gar keine Lust auf Sex mehr. Am Anfang war das anders. Liegt es an mir? Mein:e Partner:in ist verständnisvoll, doch ich fühle mich unter Druck gesetzt.“ Solche Äusserungen höre ich immer wieder in der Sexualtherapie.

Lust kann neu entdeckt werden.

Lustveränderung ist normal – und nachvollziehbar

Lust ist kein fixer Zustand. Sie reagiert auf Lebensumstände, Körperzustände und Beziehungsphasen. Ein neuer Job, ein Kind, anhaltendem Stress oder schlicht der Alltag einer langjährigen Partnerschaft können das sexuelle Erleben merklich verschieben. Das ist kein Versagen – es ist menschlich.

Was Lustveränderung auslösen kann

  • Körperliche Faktoren: Hormonschwankungen, Schlafmangel, Erkrankungen oder Medikamente

  • Psychische Faktoren: Stress, Überforderung, Scham oder längere Phasen emotionaler Distanz

  • Beziehungsfaktoren: Unausgesprochene Bedürfnisse, Kommunikationsherausforderungen, veränderte Rollen

  • Lebensphasenfaktoren: Elternschaft, Karrierewechsel, Umzug, Trauer

Hormone und Verliebtheit: Wie sich Lust im Laufe einer Beziehung verändert

Die meisten kennen es - die freudige Aufregung zur Beginn einer Beziehung! Unser Körper wird regelrecht mit Hormonen überflutet: Dopamin und Phenylethylamin sorgen für das “verliebt-sein-Gefühl” und auch für sexuelle Spannung. Mit der Zeit verändert sich der Hormonhaushalt: Bindungshormone wie Oxytocin übernehmen, fördern Nähe, Vertrauen und Geborgenheit – wohlige Gefühle einer stabilen Partnerschaft. Das bedeutet nicht, dass Lust verschwindet, nur dass die aufregende Spannung nicht mehr automatisch da ist.

Spontane und reaktive Lust: Ein häufiges Missverständnis in Partnerschaften

Ein zentrales Konzept in der Sexualtherapie: Es gibt zwei Formen von Lust, die verwechselt werden können.

Wer reaktive Lust als Lustlosigkeit deutet, setzt sich und die Partnerschaft unter unnötigen Druck. Dieses Missverständnis zu klären ist oft ein erster, entlastender Schritt in der Sexualtherapie.

Warum Routine die Lust dämpfen kann – und was dagegen wirkt

Lust braucht ein gewisses Maß an Unvorhersehbarkeit. In frühen Beziehungen sorgen Neuheit und Überraschung natürlich dafür. In langjährigen Partnerschaften übernimmt Routine. Intimität folgt ähnlichen Mustern, Reize werden vorhersehbar.

Das muss kein Endpunkt sein. Aufregung entsteht nicht nur durch eine neue Person, sondern durch neue Erfahrungen, Kontexte und Begegnungen. Bestehende Muster lassen sich durchbrechen, auch in einer vertrauten Beziehung.

Beziehungsdynamik, Stress und Scham: Was die Lust zusätzlich beeinflusst

Tiefere Themen in der Beziehungsdynamik, wie unerfüllte Bedürfnisse, Kommunikationsprobleme oder unausgesprochene Wünsche, können eine Rolle spielen. Auch persönliche Faktoren wie Scham, Stress oder die Priorisierung anderer Dinge können die Lust beeinflussen. In der Sexualtherapie geht es darum, diese Themen zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Unterschiedliche Lust in der Partnerschaft: Wenn die Differenz zur Herausforderung wird

In vielen Partnerschaften gibt es unterschiedliche Lustniveaus. Häufig wird die Person mit weniger Lust als „das Problem“ betrachtet. Die gesellschaftliche Prägung suggestiert häufig, dass mehr Lust besser ist. Doch es ist die Differenz in der Lust, die eine Herausforderung darstellen kann. Wichtig ist, dass beide Partner*innen sich gehört und verstanden fühlen. Gemeinsam Lösungen zu finden und sich auf neue Ideen einzulassen, kann dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern. Dabei kann es hilfreich sein, die Unlust nicht nur als Mangel zu betrachten, sondern auch als Raum für neue Möglichkeiten.

Lustlosigkeit wird erst zur Herausforderung, wenn Leidensdruck entsteht

Lustlosigkeit in Beziehungen ist erst ein Anzeichen für ein Problem, wenn jemand damit unzufrieden ist! Die Lust wird von so vielen Faktoren beeinflusst und kann sich im Laufe der Zeit verändern. Gerne können wir in der Sexualtherapie gemeinsam explorieren, was ein nächster Schritt sein kann.

Hier findest du Teil 2 dieses Beitrags: Wenig Sex, viel Frust? Erste Schritte aus dem Sex-Tief

Möchtest du Unterstützung dabei, wieder mehr Lust zu finden oder mit der veränderten Lust umzugehen? Melde dich gerne für ein kostenloses Kennenlerngespräch.

  • Lustveränderungen begegnen vielen Paaren, besonders in langjährigen Beziehungen. Hormone, Lebensphasen und Alltag beeinflussen das sexuelle Erleben. Das bedeutet nicht, dass etwas mit der Beziehung oder mit dir nicht stimmt.

  • Wenn die Lustlosigkeit Leidensdruck erzeugt, bei dir, in der Partnerschaft oder bei beiden, kann Sexualtherapie einen hilfreichen Rahmen bieten. Ein kostenloses Erstgespräch klärt, ob Begleitung für deine Situation stimmig ist.

  • Spontane Lust entsteht ohne äußeren Anlass. Reaktive Lust entsteht als Reaktion auf Nähe, Berührung oder Stimmung. Beide sind gültige Formen sexuellen Erlebens. Reaktive Lust wird in Beziehungen teilweise falsch als Lustlosigkeit gedeutet.

  • Unterschiedliche Lustniveaus sind in Partnerschaften häufig. Entscheidend ist, wie beide damit umgehen, ohne Schuld und ohne Druck. In einer Paarsitzung lässt sich erkunden, wie beide Partner:innen sich gehört fühlen und gemeinsam neue Wege zur Nähe finden.

  • Lustlosigkeit kann viele Ursachen haben, die nichts mit der Qualität der Beziehung zu tun haben. Sie kann aber ein Hinweis sein, dass etwas Aufmerksamkeit braucht.

  • Sexualtherapie bietet keine Garantie, aber sie schafft Raum zum Verstehen. Viele Menschen gewinnen durch die Begleitung mehr Klarheit über eigene Bedürfnisse und entdecken neue Möglichkeiten im Umgang mit der eigenen Lust und der der Partnerschaft.

Aline Hegewald

Aline Hegewald ist zertifizierte Fachperson für sexuelle Gesundheit und psychosoziale Beraterin mit über 7 Jahren Erfahrung. Sie hat sich auf systemische Sexualtherapie spezialisiert und verbindet systemische Gesprächsführung, körperorientierte Methoden und eine wertefreie Haltung gegenüber allen Beziehungsformen. Gründerin von sexualtherapieonline.ch.

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