In der Partnerschaft über Sex sprechen: 5 Tipps für ein offenes Gespräch

Wie sprichst du mit deiner Partnerin oder deinem Partner über Sex? Am besten, indem du dich zuerst über deine eigenen Wünsche und Grenzen klar wirst, einen passenden Moment wählst und das Gespräch ohne Vorwürfe führst. Klingt erstmal einfach – fühlt sich aber oft gar nicht so an. Denn über Sexualität zu sprechen berührt verletzliche Stellen. Trotzdem lohnt es sich: Paare, die offen über ihre Bedürfnisse sprechen, erleben ihre Sexualität häufiger als erfüllend.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Vorbereitung schafft Klarheit: Sortiere deine Gedanken und Gefühle, bevor du das Gespräch anfängst.

  • Ich-Botschaften statt Vorwürfe: Sprich über deine eigenen Empfindungen, ohne deiner Partnerin oder deinem Partner die Schuld zu geben.

  • Zuhören ist genauso wichtig wie Sprechen: Gib deiner Partnerin oder deinem Partner Raum, eigene Gedanken zu teilen.

Warum es so schwer fällt, über Sex zu reden

Hand aufs Herz: Die wenigsten von uns haben gelernt, locker über Sex zu sprechen. In vielen Familien war das Thema tabu oder wurde mit Peinlichkeit abgetan. Diese Prägungen können bis in erwachsene Beziehungen hinein wirken.

Dazu kommt die Angst vor Ablehnung. Was, wenn meine Partnerin oder mein Partner meine Wünsche seltsam findet? Was, wenn das Gespräch zu Streit führt? Diese Sorgen sind nachvollziehbar. Doch Schweigen löst selten etwas. Unausgesprochenes kann zu Distanz, Frustration und Missverständnissen führen – und genau das macht offene Kommunikation so wertvoll.

Was meint offene Kommunikation über Sex? Eigene Wünsche, Grenzen und Gefühle ehrlich ausdrücken – und gleichzeitig bereit sein, der anderen Person aufmerksam zuzuhören. Es geht nicht darum, jemanden zu überzeugen, sondern darum, einander besser zu verstehen.

1. Selbstreflexion: Was du über deine eigenen Wünsche und Grenzen wissen solltest

Bevor du das Gespräch suchst, nimm dir Zeit für dich selbst. Frage dich: Was genau beschäftigt mich? Welche Gefühle tauchen auf, wenn ich an unsere Sexualität denke? Was wünsche ich mir konkret?

Versuche dabei, Beobachtungen von Interpretationen zu trennen. Vielleicht habt ihr seltener Sex als früher – das ist eine Beobachtung. Der Gedanke «Er oder sie findet mich nicht mehr attraktiv» ist eine Deutung, die stimmen kann, aber nicht muss.

Diese Unterscheidung macht einen grossen Unterschied im Gespräch. Statt «Du willst mich nicht mehr» kannst du sagen:

«Mir ist aufgefallen, dass wir seltener intim sind – das macht mich traurig. Ich würde gern verstehen, wie es dir damit geht.»

2. Das richtige Timing: Wann ein Gespräch über Sex gelingt

Timing beeinflusst, wie ein Gespräch verläuft. Vermeide Situationen, in denen eine von euch gestresst, müde oder abgelenkt ist. Direkt nach einem langen Arbeitstag oder zwischen Tür und Angel ist selten ein guter Zeitpunkt.

Kündige das Gespräch an, ohne Druck aufzubauen – zum Beispiel so:

«Es gibt etwas, das mich beschäftigt. Könnten wir uns am Wochenende Zeit nehmen, in Ruhe darüber zu sprechen?»

Das gibt der anderen Person die Möglichkeit, sich innerlich darauf einzustellen. Wähle einen Ort, an dem ihr euch beide wohlfühlt und ungestört seid – das Sofa zu Hause, ein Spaziergang oder ein ruhiges Café. Manche Paare finden es einfacher, nebeneinander zu gehen statt sich direkt anzuschauen.

3. Ich-Botschaften statt Vorwürfe: Wie du ohne Angriff kommunizierst

Beginne das Gespräch, indem du Vertrauen aufbaust. Erkläre, warum dir dieses Thema wichtig ist. Wenn du dich verletzlich fühlst, sag das ruhig – Offenheit schafft Nähe.

Nutze Ich-Botschaften. Statt «Du kümmerst dich nie um meine Bedürfnisse» versuch es so:

«Ich fühle mich manchmal nicht gesehen, wenn es um unsere Intimität geht.»

Der Unterschied ist entscheidend: Ich-Botschaften drücken deine Erfahrung aus, ohne die andere Person anzugreifen. Zwei Grundsätze sind dabei hilfreich:

  • Verantwortung übernehmen: Deine Gefühle entstehen in dir, auch wenn sie durch äussere Umstände ausgelöst werden. Es ist fair, zu teilen, was in dir vorgeht – die Verantwortung für deine Emotionen bleibt aber bei dir.

  • Ehrlichkeit ohne Beschwerdeliste: Es gibt einen Unterschied zwischen ehrlicher Rückmeldung und einer Aufzählung von Kritikpunkten. Bleib beim Wesentlichen und sag, was dir wirklich wichtig ist.

4. Aktives Zuhören: Warum Zuhören genauso wichtig ist wie Sprechen

Nachdem du geteilt hast, was dich beschäftigt, gib deiner Partnerin oder deinem Partner Raum. Frag: «Wie siehst du das? Was geht dir durch den Kopf?» – und dann hör wirklich zu.

Das ist oft schwerer, als es klingt. Vielleicht sagt deine Partnerin oder dein Partner etwas, das dich verletzt oder ärgert. Vielleicht verstehst du nicht, wo sie oder er herkommt. Der Impuls, sofort zu reagieren, ist stark.

Versuch trotzdem, einen Moment innezuhalten. Atme durch, bevor du antwortest. Wenn etwas unklar ist, frag nach:

«Kannst du mir mehr dazu sagen? Ich möchte verstehen, was du meinst.»

Bedenke auch: Deine Partnerin oder dein Partner hatte keine Vorbereitungszeit. Du kommst vorbereitet ins Gespräch – sie oder er wird vielleicht überrascht und braucht Zeit, um die eigenen Gedanken zu ordnen. Das ist vollkommen verständlich.

5. Das Gespräch abschliessen: Wie du respektvoll auseinander gehen kannst

Nicht jedes Gespräch endet mit einer Lösung. Manchmal brauchen beide Zeit, um das Gesagte zu verarbeiten. Das ist völlig in Ordnung – wichtig ist, wie ihr auseinandergehen.

Bedanke dich bei deiner Partnerin oder deinem Partner dafür, dass sie oder er sich auf das Gespräch eingelassen hat. Auch wenn es holprig war oder Emotionen hoch kamen – jedes Gespräch über intime Themen ist ein Schritt in Richtung mehr Verständnis.

Falls das Gespräch schwierig verlaufen ist: Gebt euch gegenseitig Raum und vereinbart, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal darüber zu sprechen. Manche Themen brauchen mehrere Anläufe – und das ist ganz in Ordnung.

Offene Kommunikation über Sex: Ein Prozess, der wächst

Über Sex zu sprechen lernst du nicht an einem Tag. Es ist eine Fähigkeit, die wächst, je öfter du sie übst. Mit der Zeit wird es leichter, verletzliche Themen anzusprechen. Ihr entwickelt eine gemeinsame Sprache für das, was ihr euch wünscht und braucht.

Falls ihr merkt, dass ihr allein nicht weiterkommt, kann professionelle Begleitung einen geschützten Rahmen bieten. In der Sexualtherapie erkunden Paare und Einzelpersonen, wie sie über Wünsche, Grenzen und Unsicherheiten sprechen können – ohne Druck und ohne Vorurteile.

  • Respektiere zunächst diese Grenze. Drängen führt selten zu Offenheit. Teile mit, warum dir das Thema wichtig ist, und frag, was es bräuchte, damit ein Gespräch möglich wird. Manchmal braucht es mehrere Anläufe – oder einen neutralen Rahmen, zum Beispiel in der Sexualtherapie.

  • Formuliere deine Wünsche positiv. Statt «Du machst nie...» versuch es mit «Ich würde mir wünschen, dass wir...». Betone, was du dir erhoffst – nicht was fehlt. So fühlt sich dein Gegenüber eingeladen statt kritisiert.

  • Grundsätzlich gilt: lieber früher als später. Je länger Frustration unausgesprochen bleibt, desto mehr kann sie sich aufstauen. Wähle einen ruhigen Moment, in dem ihr beide Zeit und Energie für ein echtes Gespräch habt.

  • Ja. Sexualtherapie bietet einen geschützten Raum, um Themen anzusprechen, die im Alltag schwer zur Sprache kommen. Eine Sexualtherapeutin kann dabei begleiten, Muster zu erkennen, neue Wege der Kommunikation zu finden und das gegenseitige Verständnis zu stärken.

  • Streit bedeutet nicht Scheitern. Emotionen können hochkochen, besonders bei intimen Themen. Wichtig ist, wie ihr damit umgeht: Unterbreche das Gespräch, wenn es eskaliert, und vereinbart, später weiterzusprechen. Manche Themen brauchen mehrere Anläufe – und das ist vollkommen verständlich.

Aline Hegewald

Aline Hegewald ist zertifizierte Fachperson für sexuelle Gesundheit und psychosoziale Beraterin mit über 7 Jahren Erfahrung. Sie hat sich auf systemische Sexualtherapie spezialisiert und verbindet systemische Gesprächsführung, körperorientierte Methoden und eine wertefreie Haltung gegenüber allen Beziehungsformen. Gründerin von sexualtherapieonline.ch.

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